Es scheint ein Phänomen unserer Tage, dass so viele Sänger und Sprecher Schwierigkeiten mit ihrer Stimme haben.
Dafür gibt es viele Ursachen.
Hier nur einige:
- Die Qualität der hochschulischen Ausbildung reicht oft nicht aus, um mit den dort erlernten Kenntnissen und Fähigkeiten ein Sängerleben zu überstehen.
Lehrende und Studenten sehen sich zunehmend einem Leistungsdruck ausgesetzt, dem sie nicht mehr entsprechen können. Die Konkurrenz ist groß und die Zeit knapp. So werden die Stimmen oft viel zu früh und mit Druck in seelischer, sowie in körperlicher Hinsicht zu einer vermeintlichen "Größe" herangezüchtet, die vielleicht für einige Jahre eindrucksvoll klingen mag. Da diese meist jedoch auf Atemdruck aufgebaut ist anstatt auf Resonanz, können die beteiligten Muskeln diesem nicht lange standhalten, zumal eine so geführte Stimme nicht gut trägt und so noch mehr zum "laut" singen verführt- ein Teufelskreis.
Mit den Methoden der schwedisch- italienische Schule lässt sich dies verhindern. Sie lehrt zielgerichtet die richtige Atemdosierung ( auf deutsch: "Stütze", auf englisch passender ausgedrückt: "support" eher im Sinne von Unterstützung, Führung).
Außerdem verfügt sie über über Jahrhunderte bewährte Mittel und Übungen, die Resonanzräume des Körpers optimal zu nutzen, so dass ein Hinausdrücken des Atems durch die Stimmbänder nicht mehr "nötig" ist.
Es entsteht somit eine ideale Balance aus Stimmbandspannung und Atemdruck. Das verhindert eine Störung der entstehenden Resonanzen in den Resonatoren durch überschüssige, durch die Stimmritze gepresste Luft- die Stimmbänder können optimal arbeiten und der Stimmgebrauch ist somit vollkommen ökonomisch.
Eine so geschulte Stimme vermag auch im pianissimo in einem großen Raum zu tragen.
- Viele Sänger, oft mit einer Naturstimme gesegnet erleiden das Schicksal,
im falschen Stimmfach ausgebildet zu werden.
Beispielsweise werden Frauen mit tiefen Sprechstimmen oft voreilig als
Altistinnen oder Mezzosopranistinnen geführt, ohne dass überhaupt in
Erwägung gezogen wird, dass es sich hier sehr wahrscheinlich um
lyrische oder dramatische Sopranstimmen handeln könnte.
Diese Praxis ist leider auch an Hochschulen gang und gebe.
Singt ein Sänger im falschen Fach, kann das zu einer Überbeanspruchung
des Stimmapparates führen.
Außerdem erden nichtvorhandene Farben künstlich- meist mit
Zungendruck- erzeugt, was zu schweren Schädigungen der Stimmbänder
führen kann.
Die Ermittlung des richtigen Stimmfaches erfordert hohe Sachkenntnis
und Geduld. Eine Einordnung kann erst dann vorgenommen werden,
wenn die Stimme frei arbeitet; erst dann offenbart sich das eigentliche
Timbre der Stimme. Oft führt ein Druck der Zungenwurzel auf den
Kehlkopf zu einer vermeintlich dunklen Färbung der Stimme, die
Zu einer falschen Einordnung führt.
Außerdem gibt die Lage des passaggio wichtige Hinweise.
Es gilt auch zu bedenken, dass sich das Stimmfach im Laufe eines
Sängerlebens ändern kann.
- Die Sänger werden heute kaum mehr im Schutze eines Ensembles über
Jahre geführt; v.a. größere Stimmen werden dazu verleitet, Partien anzunehmen, denen sie noch nicht gewachsen sind. Die Anforderung, über ein großes Orchester singen zu müssen verleitet zu forcierter Tongebung.
Nachdem die Konkurrenz im Geschäft groß ist, traut sich ein junger Sänger oft nicht, eine Partie abzulehnen, obwohl dies seiner Stimme zuträglicher wäre.
- Sängern mit Naturstimmen wird meist nur ein geringes stimmtechnisches
Rüstzeug mitgegeben. Getreu nach dem Motto "Never change a running
System!" sind die Lehrer über das stimmliche Vermögen ihres Schützlings froh und möchten ihn dabei so wenig wie möglich stören.
Es ist erfreulich, daß die Natur wunderbare Sänger
hervorbringt; die Schwierigkeiten entstehen aber dann, wenn sich die körperlichen Gegebenheiten mit der Zeit ändern.
So treten dann Störungen auf, die sich der Sänger nicht erklären kann,
und mit denen er nicht umgehen kann, weil er nicht gewöhnt ist, an seiner Stimme zu arbeiten und auch das Werkzeug dafür nicht besitzt.
Spätestens im Klimakterium sehen sich Sängerinnen einer stimmlichen
Veränderung ausgesetzt, mit der sie oft alleine nicht umgehen können.
Hier ist dann ein stimmbildnerischer Begleiter gefragt, der sich mit den
körperlichen Gegebenheiten auskennt.